Foodfachzeitung im Internet
Samstag, 21. Dezember 2024
Report
Druckansicht03.12.2020
Massentierhaltungs-Initiative: Kein Billigfleisch mehr in der Schweiz?
Das Schweizer Tierschutzgesetz ist streng. Noch strenger sollen die Regeln werden, wenn es nach der Massentierhaltungs-Initiative geht. An einer Diskussion von Sentience Politics ging es darum, ob die Initiative Einkaufstourismus fördert.

Für Nationalrätin Meret Schneider ist klar. M-Budget-Fleisch würde es in der Schweiz nach Annahme der Initiative nicht mehr geben. Und selbst Terrasuisse-Schweinefleisch müsste nachbessern, wie die Geschäftsführerin von Sentience Politics erklärte. Künftig müsste alles mindestens dem Bio-Suisse-Standard entsprechen.

Die Nachfrage nach Labelfleisch sei aber beschränkt, erklärte Gabi Buchwalder von der Direktion Wirtschaftspolitik der Migros. Sonst würde die Detailhändlerin gerne mehr Labelfleisch verkaufen. «Wir haben grundsätzlich ein Problem mit der Nachfrage nach Labels», stellte sie klar.

Das sieht auch Meinrad Pfister, Präsident von Suisseporcs so. Die Schweineproduzenten könnten nur rund 30 Prozent als Labelfleisch verkaufen. «Die Produktion ist dabei viel grösser als die Nachfrage», sagt er. Denn rund die Hälfte aller Schweizer Schweineställe sei nach Labelstandard gebaut. «Die könnten von heute auf morgen Label produzieren.» Bezüglich Nachfrage nach Bio-Schweinefleisch merkte er an, dass nur 2 Prozent solches sei.

Kampfzone Budget

Der Schweizer Tierschutz hat eine Absatzoffensive Labelfleisch gestartet. Grund für die stagnierende Nachfrage ist laut STS-Geschäftsführer Stefan Flückiger ein völlig verzerrtes Preissystem. «Im Budget-Bereich ist die Kampfzone», sagt er. Dann gebe es gleichzeitig die Labels mit überhöhten Margen. Die Preisdifferenz sei riesig geworden, das machten die Leute nicht mehr mit, so Flückiger.

Meret Schneider meint, dass die Politik eingreifen und Rahmenbedingungen setzen müsse. Dass die Marktgestalter Verantwortung übernehmen müssten, sagt auch Stefan Flückiger. Die Konsumentinnen und Konsumenten seien nämlich ob der vielen Auswahl und Labels überfordert.

"Wer es hier nicht findet, geht ins Ausland"

Für Gabi Buchwalder hingegen ist klar, dass die Leute bei strengeren Regeln einfach ins Ausland ausweichen würden. «Als während des Lockdowns die Konsumentinnen und Konsumenten nicht mehr ins Ausland konnten, haben wir auf einmal deutlich mehr Budget-Fleisch verkauft», sagt sie. Wer günstiges Fleisch in der Migros nicht mehr finde, kaufe es einfach im Ausland, stellt sie fest. Das könne sicher nicht das Ziel sein, so Buchwalder. Klar seien die Präferenzen der Konsumenten: «Das wichtigste ist der Geschmack, gefolgt vom Preis. Alles andere ist bei den meisten Nebensache.»

«Der Mensch verhält sich inkonsequent und tut nicht immer, was er sagt», meint dazu auch Terrasuisse-Produzent Meinrad Pfister. «Wir haben das Problem, dass die Vorstellungen und Wünsche jenseits von dem sind, was dann auch bezahlt wird», so Pfister. Deshalb geht Pfister ebenso davon aus, dass Konsumentinnen und Konsumenten bei einer Initiativ-Annahme vermehrt im Ausland einkaufen würden. Auch wenn die Initiative die Importe beinhalte, den Einkaufstourismus erfasse sie nicht.

«Biostandard würde einen doppelt so hohen Fleischpreis bedeuten», so Pfister. «Was machen dann die Leute? Wir können nicht einfach die Schraube so anziehen, sonst laufen uns die Konsumenten davon.» Daran glaubt Meret Schneider nicht. «Ein gewisser Anteil wird immer im Ausland einkaufen. Der Grossteil aber verhält sich nicht so, weil der Aufwand zu gross ist», meint sie. Gerade bei Fleisch im Ausland sei die Skepsis gewachsen.

Die Schweiz kennt als einziges Land Höchstbestände bei der Nutztierhaltung. Lässt sich allein aufgrund der Bestandesgrösse aufs Tierwohl schliessen? Nein, sagt Meinrad Pfister. Das sei eine sehr einseitige Sichtweise. Es komme auf Faktoren wie Tierbetreuung, Platzverhältnisse oder den Auslauf an. Die Initiative hingegen suggeriere, dass gross gleich schlecht sei. «So schwarz-weiss ist die Welt nicht», sagt Pfister. Rein an einer Zahl lasse sich Massentierhaltung nicht festmachen, sagt Meret Schneider. Das sei ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. «Überall wo die Art der Tierhaltung das Tierwohl systematisch missachtet, um möglichst effizient viel zu produzieren», so die Definition der Nationalrätin.

Für Stefan Flückiger ist die Gruppengrösse entscheidend. «Die Agrarpolitik sollte mehr auf Gruppengrössen als auf die Gesamtbetriebsgrössen schauen», sagt er. Der Gesetzgeber habe es verpasst, diesbezüglich Normen zu schaffen. Meinrad Pfister ist bei seinem Betrieb nahe der Höchstbestandesgrenze. Bestes Beispiel für ihn, dass es auch mit einer hohen Anzahl Tiere geht, sind die Führungen, die er anbietet. Auch Veganer habe er schon über seinen Betrieb geführt. Und die Leute seien immer wieder positiv überrascht, wie gut auch einem grossen Betrieb die Tierhaltung sein könne. (LID)
(gb)

Report – die neuesten Beiträge
20.12.2024
dSchweizer Schaumweine: Qualität und Potential
12.12.2024
dJetzt Pasteten und Terrinen auf den Teller
03.12.2024
dEmotional statt industriell: Zukunft von Schweizer Käse
25.11.2024
dEdle Kulturpilze: Teil 2
18.11.2024
dWelche Backwaren gesund sind und warum
10.11.2024dSchokoladen und Branchli im Kassensturz-Test
01.11.2024d Edle Kulturpilze: Teil 1
25.10.2024dMarkt und Wettbewerb der Alpenprodukte in Stans
18.10.2024dMehr Nüsse essen
11.10.2024dSwiss Cheese Awards: Schweizer Käsemeister gekürt
06.10.2024dWeihnachtsgebäck schon im Oktober?
25.09.2024dDie offiziell besten Metzgereien 2024
19.09.2024dPflanzlicher Milchersatz: umweltschonend aber nährwertärmer
08.09.2024dSchokoladeimitationen ohne Kakao im Trend
01.09.2024d Warme Schärfe dank Wasabi und Ingwer
21.08.2024dBrombeeren – wilde schmecken intensiver
14.08.2024dGlacesorten, -macharten und -trends
07.08.2024dFeige: Eine der ältesten Früchte der Welt
31.07.2024dEin Hoch auf Schweizer Bier
24.07.2024dJetzt hochwertige Beeren richtig verarbeiten
17.07.2024dFleisch kontra Ersatzprodukte - gesundheitlich betrachtet
10.07.2024dJetzt Aprikosen verarbeiten: Frische Vielfalt
03.07.2024dWie wird selbst gemachte Glace cremig?
26.06.2024dBio und Fleischersatz stossen an Grenzen
19.06.2024dMultitalente Blumenkohl und Romanesco
12.06.2024dNeuartige Kaffeealternative mit regionalen Rohstoffen
05.06.2024dHochverarbeitetes oft ungesund aber nicht immer
29.05.2024dGelungene Beefsteak-Imitation von Planted
22.05.2024d Food-Handwerker mit wissenschaftlichen Ambitionen
15.05.2024d(Un)sinn von Süssstoffen zum Abspecken
©opyrights ...by ask, ralph kradolfer, switzerland