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12.05.2020
Buchtipp: Schweizer Küche

Mit Leseproben: Rezept des Appenzeller Siedwurststrudels sowie Bündnerfleisch mit unwiderstehlichem Aroma
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KOMMENTAR: (Ver)kaufsmotive für Insektenprodukte

Brauchen wir Insektenprodukte? Das ist die falsche Frage. Dann müssten wir uns auch fragen ob wir Schnecken und Froschschenkel brauchen, oder Crevetten, Ananas und alle andern exotischen Produkte. Die richtige Frage lautet: welchen Vorteil bieten sie den Grossverteilern, Gastronomen und den Konsumenten hinsichtlich Kulinarik, Ernährung, Nachhaltigkeit, wirtschaftlichen und emotionalen Faktoren. Hierzu gehören Lifestyle und Neugier, worüber man nur spekulieren kann aber diese sind wohl derzeit die wichtigsten Kaufmotive. Lifestyle ist DER Megatrend, man denke an die vielen Konsumenten, die (teure) allergenfreie Produkte kaufen, obwohl sie nur eine selbst diagnostizierte Unverträglichkeit haben. Viele setzen sich in Szene mit dem was sie essen oder nicht essen – Themen, die sich perfekt für abendfüllende Diskussionen eignen.

Zurück zu den Insekten: Lifestyle ist auch deswegen ein prioritäres Kaufmotiv, weil die andern Botschaften mehr versprechen als sie halten. Für Ernährung und Nachhaltigkeit sind Grundnahrungsmittel wichtig, die in nennenswerten Mengen gegessen werden und nicht Randprodukte. Vor allem müssten dann Insekten kritische Lebensmittel ersetzen und nicht zusätzlich konsumiert werden. Gegen Insektenburger aus Insektenprotein spricht zwar nichts ausser der Tatsache, dass unser Proteinkonsum ohnehin zu hoch ist. Ganze Insekten sind jedoch angesichts ihres Chitingehaltes mit Vorsicht zu geniessen analog zu Pilzen – Chitin ist schwer verdaulich.

Wirtschaftliche Vorteile bieten Insektenprodukte den Konsumenten nicht, im Gegenteil: sie sind so teuer, dass man sie fast als Luxus bezeichnen könnte. Anders in der Gastronomie, wo ganze Insekten als Dekors auf dem Teller landen. Dies im Sinn der trendigen Erlebnisgastronomie und Effekthascherei, die bei vielen Gastronomen herrscht. Nach den Alginatperlen und aromatisierten Schäumchen der Molekularküche bieten jetzt die Gliederfüssler einen neuen Kick. Aber Insekten schmecken neutral und punkten nur mit der Zubereitung, der kulinarische Wert ist eher virtuell.

Zu guter Letzt nützen aber Insekten dem Business der Grossverteiler – bei den stolzen Preisen darf man auch dicke Margen vermuten. Die Migros lancierte Mitte Oktober 2018 drei Speiseinsekten als Ganzes, getrocknet und ungewürzt, unter der Marke Mi Bugs (Mehlwürmer, Grillen, Heuschrecken). Sie sind in Portionenbeuteln in vielen Migros-Filialen sowie über www.leshop.ch erhältlich – zu stolzen Preisen. Umgerechnet kosten 100g durchschnittlich 24 Franken. Zum Vergleich: 100g Bündnerfleisch gibt es im Supermarkt ab 10.-. Die Klubschule Migros bietet dazu passend den Kurs «Kochen mit Insekten» an. Und Coop führt ein Jahr nach Zulassung der Insekten lediglich drei Produkte: Burger mit Mehlwurmanteil von 31% und Fleischbällchen mit 24% Mehlwürmern – beide zum Preis von 53.-/kg. Und ein Riegel mit nur 10% Grillen zu 103.-/kg.

Das Konsummagazin K-Tipp schrieb kürzlich einen Kommentar dazu: Die Insektenprodukte von Coop seien – vorsichtig ausgedrückt – eine Enttäuschung. Und weiter: Die Burger und Fleischbällchen sind so penetrant gewürzt, dass vom angeblich «feinen nussigen Aroma» der Mehlwürmer nichts zu spüren ist. Und der Riegel schmeckt vor allem nach Früchten (fast 90% des Produkts).

Warum soll ein Kunde einen derart hohen Preis für Insekten zahlen, wenn er sie weder sehen, spüren noch schmecken kann? Und warum soll er für Produkte, die zu einem grossen Teil aus billigen Zutaten wie Reis, Kichererbsen, Mehl oder Äpfeln bestehen, einen Kilopreis von 53 bis 103 Franken bezahlen? Coop selber spricht von einer «grossen Nachfrage» und zeigt sich «sehr zufrieden mit den Verkäufen». Der K-Tipp gewann in drei Berner Filialen einen anderen Eindruck. Im Ryfflihof lagen Insektenlebensmittel, die schon seit ein paar Tagen abgelaufen waren ( siehe K-Tipp 11/2018).

Coop wird die Insektenprodukte nur im Sortiment belassen oder ausbauen, wenn es sich lohnt. Derzeit scheint es sich zu lohnen trotz Abschreibern und trotz der Tatsache, dass sich Vegetarier – immer auf der Suche nach Proteinen – nicht angesprochen fühlen. Wenn Neugier und Lifestyle dominieren, sind die Verkaufszahlen kaum nachhaltig. Trendprodukte kommen und gehen. Vielleicht stehen bald Algenproteinprodukte in den Startlöchern, die ebenfalls geschmacksneutral sowier nachhaltig sind und auch Veganer ansprechen. (GB)
(gb)

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